"Der Gitarrist und Bandleader Werner Tian Fischer hat vom Kanton Glarus aus die halbe Welt bereist. Seine Wege führten ihn unter anderem in die USA und nach China, wo er mit einheimischen Musikern sowie seiner Band «Travelogue» vor grossem Publikum spielte. Nun ist ein Salsa-Revival geplant ..."
JAZZTIME, November 2025
Weltenbummler zwischen Tödi, Boston und Beijing
Werner Tian Fischer – Der Gitarrist und Bandleader hat vom Kanton Glarus aus die halbe Welt bereist. Seine Wege führten ihn unter anderem in die USA und nach China, wo er mit einheimischen Musikern sowie seiner Band «Travelogue» vor grossem Publikum spielte. Nun ist ein Salsa-Revival geplant.
Aufgewachsen am Fuss der Glarner Alpen, von den Beatles und Bob Dylan musikalisch sozialisiert und von den Gitarrenklängen Santanas und McLaughlins elektrisiert, lockte Werner Tian Fischer der Ruf der Ferne schon früh: «Als Sechzehnjähriger reiste ich zusammen mit meiner Schwester sechs Wochen per Greyhound quer durch die USA.» Zwei Jahre später lebte er als Austauschschüler ein Jahr in Minnesota, wo Dylan seine Jugend verbracht hatte. An der dortigen High School war die Musik fest im Curriculum verankert, wie Werner Tian Fischer erzählt. «Ich durfte als Gitarrist der High School Jazz Band meine ersten Erfahrungen mit dieser grossartigen Musik machen.» Unmittelbar nach der Matura lebte er während zwei Jahren in Lissabon. «Dort verbrachte ich meine Tage am liebsten im Hot Club de Jazz, der zur selben Zeit auch Heimat von jungen portugiesischen Musikern wie etwa der grossartigen Sängerin Maria Joao war.» Zurückgekehrt in die Schweiz, studierte der junge Glarner Musiker an der Universität Zürich Geschichte und Englisch; nebenbei besuchte er die Swiss Jazz School in Bern. In den Neunzigern tourte der Künstler zusammen mit dem späteren Züri West-Gitarristen Tom Etter und der Folk-Pop-Gruppe «Starfish» durch Nord- und Osteuropa und die Schweiz. «Anfänglich machten wir Strassenmusik, später kamen Bühnen- und Festivalauftritte dazu.»
Konzert vor 48'000 Zuschauern
Die Suche nach neuen Herausforderungen war die treibende Kraft, die Werner Tian Fischer vor gut zwanzig Jahren nach Boston brachte. Am Berklee College of Music konnte er sich eine Zeit lang vollends dem Jazz widmen und erlangte schliesslich ein Musikdiplom. Nach vier Jahren an der amerikanischen Ostküste kehrte er zurück in die Schweiz. Der Musiker liess sich in Glarus, später in Luzern nieder und zog schliesslich wieder fort, diesmal in die Weiten Chinas. «In der Grossstadt Peking, deren Anonymität mich faszinierte, fand ich meine temporäre Heimat. Ab 2010 war ich Mitglied der Big John Blues Band, der Hausband des legendären CD Blues Cafés sowie als Dozent an der Beijing Midi School of Music tätig.» Bis 2017 folgten Tourneen und Konzerte mit chinesischen und internationalen Musikern, die Werner Tian Fischer auf ihren Auftritten in den Metropolen Shanghai oder Peking und bis in die Steppen der Inneren Mongolei oder die Wüste in Ningxia begleiten durfte. Ein Höhepunkt war, als der Schweizer Musiker mit seiner Travelogue Blues Band 2012 zum zweiten International CD Blues Festival in Beijing eingeladen wurde. Ein weiteres unvergessliches Highlight ereignete sich im Juni 2013 mit dem Auftritt an der «Grammy All Stars Night» in Chengdus ausverkauftem Olympia-Stadion mit zwölf internationalen Stars vor 48'000 Zuschauerinnen und Zuschauern.
Offenheit und Enthusiasmus
«Ich erlebte China als sehr offen. Wir wurden an den Konzerten von einem enthusiastischen Publikum empfangen. Immer wieder wurden wir spontan zu neuen Konzerten eingeladen, nachdem wir zu Beginn noch nicht wussten, was uns erwarten würde.» Oft spielte Werner Tian Fischer auch zusammen mit Jazzmusikern aus China und trat mit ihnen an Festivals und in Clubs auf. Meist standen fünf bis sechs Gigs pro Woche auf dem Programm. Die Zeit in China war für die Karriere des Glarner Jazzmusikers von grosser Bedeutung. «China diente mir als Sprungbrett. Es war zudem das einzige Land, in dem ich ganz von meiner Musik leben konnte. Gerne wäre ich noch ein paar Jahre länger in China geblieben, wenn nicht familiäre Gründe dagegengesprochen hätten.» In den letzten Jahren habe sich die Kultur- bzw. Musikszene in China allerdings stark verändert, berichtet Werner Tian Fischer. «Die Offenheit von damals ist verflogen. Zahlreiche Clubs und Festival haben geschlossen, weil sie aufgrund ihres Erfolgs der Regierung suspekt geworden sind. Mittlerweile haben viele Musikerinnen und Musiker, die ich während meines China-Aufenthaltes kennenlernen durfte, das Land verlassen.»
Unterwegs mit der Band “Travelogue»
Die vielen Reisen haben die Musik von Werner Tian Fischer stark geprägt. «Meine eigene Musik bewegt sich auf dem weiten Feld irgendwo zwischen Folk, Pop und Jazz. Meine Kompositionen, die ich seit 2003 mit meiner international besetzten Jazzgruppe «Travelogue» auf mehreren Alben veröffentlichte, sind fast alle im Ausland oder auf Auslandreisen entstanden. Travelogue wurde zusammen mit dem Saxophonisten Jürg Wickihalder, dem Schlagzeuger Gabriel Schiltknecht und dem Bassisten Fredi Meli gegründet. Mit an Bord waren zudem wechselnde Sängerinnen und Bläser. Die Band spielte Eigenkompositionen und ausgewählte Jazz-Originale. Das letzte Album “Foreclosure” mit Live-Aufnahmen vom Kunsthaus Glarus erschien anfangs 2018. «Für die Musse brauche ich Inspiration, die an ‘fremden’ Orten für mich viel einfacher zu finden ist. Auch wurden viele meiner wichtigsten Musikerbekanntschaften auf Reisen geformt und gefestigt», ergänzt der Bandleader.
Sechswöchige Nordchina-Tournee
Ein besonderes Reiseerlebnis ereignete sich, als die Band Travelogue im Sommer 2004 anlässlich der ersten sechswöchigen Nordchina-Tournee von Daqing per Privatbus in ein Touristencenter nahe der russischen Grenze gefahren wurde. Werner Tian Fischer erzählt: «Die Reise dauerte sieben Stunden. Dabei beeindruckte uns die Vielfalt der nordchinesischen Landschaft und die Emsigkeit, mit der überall gearbeitet wurde – meist von Hand und bei Temperaturen von bis zu 38 Grad. Ein Resort-Besitzer in Tie Li Shi hatte uns mit einem Beitrag an unsere Flugtickets unterstützt. Als Gegenleistung wollten wir für seine Gäste ein Konzert geben. Als wir am späteren Nachmittag eintrafen, befanden sich dort nur wenige Leute; so nahmen wir an, dass wir nach den grossen Konzerten der vergangenen zwei Wochen einen entspannten Gig vor einem kleinen privaten Publikum spielen würden. Wir stellten unsere kleine Anlage auf der Veranda auf und harrten der Dinge …»
Von wegen kleines Privatkonzert!
«… Nach und nach fuhren rund ein Dutzend vollbesetzter Cars vor, aus denen mindestens fünfhundert Gäste ausstiegen; alle in überschäumender Festlaune. Unsere ruhigeren Nummern packten wir gleich wieder ein. Der Anlass begann beim Eindunkeln mit einem Feuerwerk. Unser Konzert wurde von einer chinesischen Volksmusiksängerin umrahmt: Pentatonik in Sopranlage! Das Interesse an uns war riesig: Filmkameras liefen, Fotos wurden geknippst, alle wollten uns und unsere Instrumente anfassen, so dass uns der Veranstalter bald in ein ruhiges Nebengebäude rettete. Hier wurden wir bei ausgelassener, warmherziger Stimmung von unseren Gastgebern und einigen Dorfschönheiten kulinarisch verwöhnt. Offenbar hatten sie alle an diesem Abend zum ersten Mal live gespielten, modernen Jazz gehört!»
Revival einer Glarner Salsa-Band
Aktuell spielt Werner Tian Fischer, der neben seiner Bühnentätigkeit an der Musikschule der Stadt Luzern unterrichtet, zusammen mit der Luzerner Sängerin und Pianistin Lena Kramer als Duo «Lena Nova». Das Repertoire bewegt sich zwischen Blues, Jazz und Singer-Songwriter-Stücken. Während es in den letzten Jahren um Travelogue etwas ruhiger geworden ist, steht die Band mittlerweile in abgespeckter Formation mit Werner Tian Fischer als Gitarrist, dem Bassisten Fredi Meli und dem Schlagzeuger Gabriel Schiltknecht wieder auf der Bühne. Ein Revival soll ebenfalls die 1983 in Glarus ins Leben gerufene Salsa-Band GUATUZO erleben. «Wir waren damals die erste grosse Salsa-Band der Schweiz», erinnert sich Werner Tian Fischer. Rund zwanzig Musikschaffende aus dem Kanton Glarus waren während zweieinhalb Jahren zusammen unterwegs und pflegten den funkigen Puerto Rico-Salsa. Nun möchte Werner Tian Fischer die Band wieder aufleben lassen, nachdem das verschollen geglaubte Notenmaterial unverhofft aufgetaucht ist. Nachdem zwei Drittel der Musikerinnen und Musiker für das Projekt gewonnen werden konnten, ist für Herbst 2027 der erste Auftritt geplant.

















